Die 120+ zauberhaftesten Blumengedichte für Kinder
Die Rose
Und horch, er singt, wie leis' aus tiefen Keimen
In sichrer Nacht der Rose Kelch sich webt,
Und dicht umhegt von grünen Blättersäumen
Vom frischen Quell der künft'gen Düfte lebt,
Und wenn auch schon in ihren engen Räumen
Die reiche Form sich üppig drängt und hebt,
Doch still der Geist, von Lust und Leid geschieden,
Noch schlimmer ruht in unbewusstem Frieden.
Doch wenn der Lenz mit seinem Wehn und Wallen,
Mit seiner Lust durch Erd' und Himmel dringt,
Wenn weit umher das Lied der Nachtigallen,
Der Biene Flug, der Quelle Rieseln klingt,
Wenn Blüthen rings entkeimen, blühn und fallen,
Und jede Nacht den reichen Schmuck verjüngt,
Dann fühl auch sie in ihrer dichten Hülle
Der Hoffnung Lust, des Lebens sel'ge Fülle.
Und wenn gemach die Hüllen sich entfalten
Und sich mit Gold des Busens Tiefe füllt,
Blickt heller stets durch seines Kerkers Spalten
Mit frischer Lust das hold verschämte Bild,
Und freut sich still der wechselnden Gestalten,
Die bunt umher die neue Welt enthüllt.
Ihr frühster Duft, des Athems erstes Weben
Ist Liebe schon, und wähnt, er sei nur Leben.
Und freier jetzt vom hellen Licht umwaltet,
Und inniger durchströmt vom blauen Wehn,
Lässt reicher stets und üppiger entfaltet
Der volle Kelch die irren Tiefen sehn.
So scheint, weil stets ihr Glanz sich neu gestaltet,
Uns aus der Lieb' erst Liebe zu entstehn ;
Denn wandelbar mit ewig bunter Welle
Rinnt unversiegt des Lebens heil'ge Quelle.
Ernst Schulze (1789-1817)
O! Lass nur einen Vogelton
O! Lass nur einen Vogelton
In deine Brust hinein,
Gleich stimmt mit vollem Jubellaut
Die ganze Seele ein.
Den Duft von einer Blume nur
Nimm auf wie Gotteshauch,
Dann sprossen tausend Blüten dir
Im Herzensgarten auch.
Zu einem Stern am Himmelsraum
Richt' deiner Seele Flug,
Dann hast du auf der weiten Welt,
O Mensch, des Glücks genug.
Johanna Ambrosius (1854-1939)
Die Blumen haben ebenso viel Recht zu leben wie wir.
Albert Schweitzer (1875-1965)
Blumen sind an jedem Weg zu finden,
doch nicht jeder weiß den Kranz zu binden.
Anastasius Grün (1808-1876)
Hart sind deine Wechesellose
Hart sind Deine Wechsellose,
Menschenherz, Du warmes Herz!
Ahnend kaum den Preis der Rose,
Blüh'n dir Rosen allerwärts.
Doch, wenn endlich ganz empfunden,
Ihre Herrlichkeit Dich rührt,
Wird von neidisch bösen Stunden
Schnell sie Dir zu nichts entführt.
Und die Rosen sind die Freude,
Sind der Tugend Liebesglück,
Endlich ganz erkennst du beide;
Ach, da flieh'n sie schon zurück.
Johann Rudolf Wyß (1782-1830)
Das Stiefkind
Wandernd zog ich durch den Staub
Sommerheißer Straßen,
Rand entlang im breiten Laub
Schwere Trauben saßen.
Doch auch eine Rose klomm
Aus den grünen Ranken
Und ihr rundes Antlitz glomm
Und sie schien zu wanken.
Und ein Winzer stand im Sold,
Der Empfindungslose
Hütete der Trauben Gold,
Aber nicht die Rose.
Und der Rose naht' ich hold,
Brach sie mit Gekose –
Mach' euch glücklich euer Gold,
Mich beglückt die Rose!
Johann Fercher von Steinwand (1828-1902)
Die Himmelfahrt
Da drüben über den Feldern
In warmer, gesättigter Luft,
Begegnen sich schwimmende Flöre
Und Duft gesellt sich zu Duft.
Da neigt sich ein blasses Gesichtchen
Aus jedem umdufteten Flor,
Da wandern die scheidenden Seelen
Der sterbenden Blumen empor.
Johann Fercher von Steinwand (1828-1902)
Es ist ein Schnitter, heißt der Tod
Es ist ein Schnitter, heißt der Tod
Hat Gwalt vom großen Gott:
Heut wetzt er das Messer,
es schneidt schon viel besser,
bald wird er drein schneiden,
wir müssen's nur leiden.
Hüt dich, schön's Blümelein!
Was heut noch grün und frisch da steht,
wird morgen weggemäht:
die edel Narzissen,
die englischen Schlüsseln,
die schön Hyazinthen,
die türkischen Binden.
Hüt dich, schöns Blümelein!
Viel hunderttausend ungezählt,
was unter die Sichel fällt:
rot Rosen, weiß Lilien,
beid' wird er austilgen,
ihr Kaiserkronen,
man wird euch nicht schonen.
Hüt dich schön's Blümelein!
Das himmelfarbe Ehrenpreis,
Die Tulpen, gelb und weiß,
Die silbernen Glocken,
Die goldenen Flocken,
Senkt alles zur Erden,
Was wird daraus werden?
Hüt' dich, schön's Blümelein!
Ihr hübsch Lavendel, Rosmarin,
Ihr vielfärb'gen Röselein,
Ihr stolze Schwertliljen,
Ihr krause Basiljen,
Ihr zarte Violen,
Man wird euch bald holen.
Hüt' dich, schön's Blümelein!
Trutz, Tod, komm her, ich fürcht dich nit,
komm her und tu ein'n Schnitt!
Wenn er mich verletzet,
so werd ich versetzet,
ich will es erwarten,
in himmlischen Garten.
Freu dich, schöns Blümelein!
Altes Volkslied
Die Sonnenblume möchte dich begrüßen,
dieweil sie sich so gern zur Sonne wendet.
Nur steht zurzeit sie noch zurückgewiesen;
doch du erscheinst und sie ist gleich vollendet.
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
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